Rubrik: WirtschaftsWissen - Jahrgang: 2002 - Ausgabe: 8

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Gutachten im Auftrag der DGKFO

Stellungnahme zu dem Schreiben von Herrn Dr. Risse: Erstmeldung von Vorkommnissen bei der Anwendung von orthodontischen Medizinprodukten vom 12.07.2000 sowie dem Schreiben vom 22.08.2000 mit obigen Bezug.







1. Allgemeine Anmerkungen

In seiner „Erstmeldung von Vorkommnissen bei der Anwendung von orthodontischen Medizinprodukten“ und den o.g. erläuternden Begleitschreiben fasst Herr Dr. Risse zunächst die grundsätzlichen Charakteristiken orthodontischer Techniken korrekt zusammen und führt sodann das Gefährdungspotenzial aus, welches seiner Meinung nach durch die orthodontische Lehrmeinung verursacht wird. Dieses Gefährdungspotenzial ist seiner Meinung nach offensichtlich darin begründet, dass die „Grundprinzipien gegenwärtiger Orthodontie“ auf der Biomechanik von Burstone basieren. Diese wiederum missachtet die neuesten Erkenntnisse der Physik und muss daher zu einem falschen Verständnis der eingesetzten Behandlungstechnik führen.

Mit seinen Ausführungen
– stellt Herr Dr. Risse die Kompetenz eines der Hauptbegründer der kieferorthopädischen Biomechanik, Prof. Burstone, massiv in Frage,
– wirft den Kieferorthopäden, die mit „Klassischer Orthodontie“ arbeiten, pauschal eine Gefährdung der Patienten vor und
– stellt die gängigen in der Orthodontie eingesetzten Materialien als nicht biokompatibel, gefährlich und den resultierenden Behandlungsverlauf als „chaotisch“ dar.

Als Alternative wird der Einsatz dünner Drähte in Bracketslots mit reduzierter Dimension vorgeschlagen. Nach Dr. Risse ergibt sich die Forderung nach reduzierter Drahtstärke zwingend aus einer „Neuen Physik“. Es muss zunächst festgehalten werden, dass durch die von Herrn Dr. Risse vorgeschlagene Reduktion des Bracketslots und der Drahtdimension die von ihm angeführten Probleme in keiner Weise behoben werden können. Auch durch eine Umstellung von „statischer Philosophie“ auf „dynamische Gesetzmäßigkeiten“, was immer dies auch bedeuten mag, wird eine Vielzahl von Schwierigkeiten, die im Verlauf einer kieferorthopädischen Therapie sicher auftreten, nicht zu lösen sein. Wie Herr Dr. Risse selber ausführt, ist jede Maschine nur so gut, wie sie sich den Bedingungen ihres Einsatzortes anpasst. Dies gilt für dicke Drähte ebenso wie für dünne Drähte. Die Dynamik der orthodontischen Zahnbewegung erkennt auch ein dünner Draht nicht besser als ein dicker Draht. Diese Dynamik und die daraus resultierenden Problemsituationen zu erkennen, sind wesentliche Punkte, die die Ausbildung und Erfahrung eines Kieferorthopäden ausmachen. Die Aufgabe, diese Problemsituationen im Verlauf von Kontrollsitzungen zu analysieren und hier durch eine Anpassung der Behandlungsgeräte gegenzusteuern, nimmt dem Kieferorthopäden auch ein dünner Draht nicht ab. Des Weiteren sind die Kräfte auch bei Einsatz eines dünnen Drahts nicht berechenbarer als bei einem dicken Draht. Der einzige Unterschied besteht darin, dass sie um einen durchaus berechenbaren Faktor kleiner sind. Man mag dies als eine neue Behandlungsphilosophie ansehen, die für den Einsatz sehr kleiner Kräfte plädiert. Die Probleme liegen dann jedoch sicher an anderer Stelle, so z.B., dass ein extrem dünner Draht bei intraoraler Anwendung sehr leicht plastisch deformiert wird. Dies führt dazu, dass der Kraftvektor des Behandlungselements sowie die angestrebte Richtung der Zahnbewegung geändert werden und dadurch das gesetzte Behandlungsziel verfehlt wird. Auch hier ist es also zwingend erforderlich, dass der Behandler rechtzeitig eingreift, um Schädigungen zu vermeiden. Auch die Einführung einer neuen Terminologie (man tausche „Gerät“ oder „Apparatur“ gegen „Maschine“) nimmt dem Behandler nicht die Pflicht ab, sich eingehend mit der Wirkungsweise und den mechanischen Eigenschaften seiner eingesetzten Behandlungsmittel zu befassen. Hier wird er durch die Biomechanik und die Werkstoffkunde unterstützt. Unter Biomechanik ist seit der Prägung dieses Begriffes durch Benedikt im vorigen Jahrhundert und nach der Definition der European Society of Biomechanics zu verstehen: „The study of forces acting on and generated within a body and of the effects of these forces on the tissues, fluids or materials used for diagnosis, treatment or research purposes.“ Ziel jeder biomechanischen Forschung ist dabei die Optimierung und Anpassung der Behandlungsmaßnahmen an die betrachtete biologische Struktur. Auf diese Definition hin sind auch die Aufgaben der kieferorthopädischen Biomechanik ausgerichtet. In diesem Kontext hat die Einführung reduzierter Slot- und Bogendimensionen überhaupt nichts zu tun mit der Anwendung einer „Neuen Physik“. Ohne auf jeden einzelnen Punkt genau eingehen zu können, ist dies in den nachfolgenden Kommentaren genauer dargelegt. Die Punkte sind im Gegensatz zu dem Schreiben von Herrn Dr. Risse in numerischer Reihenfolge geordnet, um die Zuordnung zu den „Grundprinzipien gegenwärtiger Orthodontie“(S. 2 des Schreibens vom 12.07.2000) zu erleichtern.

Fortsetzung des Gutachtens